Die Sonne eines jeden Volkes und Landes ist nicht ohne Opfer aufgegangen, und keine Revolution oder kein Aufstand der Geschichte verlief ohne Mängel und Schande. Unsere Sonne ist diesmal im Westen aufgegangen und erstrahlt in der Kraft kurdischer Frauen und Mädchen, voller Energie und Widerstandskraft.
Zweifellos braucht der Kampf für Freiheit und Unabhängigkeit lange Pausen, und jedes Hindernis kann eine Lehre für die nächste Phase sein. Die Geschichte zeigt, dass Phasen der Stagnation, des Richtungswechsels und auch des Scheiterns strukturelle Bestandteile langfristiger politischer Transformationsprozesse sind. Entscheidend ist die Fähigkeit politischer Akteure, aus diesen Phasen strategische Zielsetzungen abzuleiten und zu priorisieren.
Der syrische Aufstand, der zunächst als einheitliche Protestbewegung begann, entwickelte sich rasch zu einem komplexen Konfliktsystem. Nationale, regionale und globale Akteure interagierten, während sich rivalisierende Gruppen mit unterschiedlichen Interessen etablierten. Der Konflikt ist daher weniger als isoliertes nationales Ereignis zu verstehen, sondern als Ausdruck regionaler und internationaler Machtkonstellationen.¹
Wie diese Gruppen entstehen, woher sie kommen und wer sie unterstützt, ist analytisch weniger relevant als die Frage, warum bestimmte Akteure gestärkt, andere geschwächt und wieder andere systematisch marginalisiert werden. Diese Dynamiken folgen langfristigen Mustern politischer Machtausübung, die tief in der Geschichte des Nahen Ostens verankert sind.
Die Geschichte des Aufstiegs und Verbleibs von Mächten in der Region lässt sich entlang dreier strategischer Konstanten analysieren:²
1. Zugang zu Energieressourcen
2. Sicherstellung von Transport- und Handelswegen
3. Politische Instrumentalisierung von Kultur und Religion
Während die ersten beiden Faktoren vergleichsweise stabil bleiben, fungiert der dritte Faktor als variables Steuerungsinstrument. Kulturelle, religiöse und ethnische Differenzen werden gezielt aktiviert oder abgeschwächt, um wirtschaftliche und geopolitische Interessen durchzusetzen. Identität wird in diesem Zusammenhang weniger als Ursache von Konflikten, sondern als Instrument ihrer Steuerung wirksam.³ Vor diesem Hintergrund lässt sich die Rolle der Kurden im syrischen und regionalen Kontext präziser einordnen. Kurdistans geopolitische Lage, seine Bevölkerungsverteilung sowie die Nähe zu Energieressourcen und Wirtschaftskorridoren verleihen ihm objektiv strategische Bedeutung. Gleichzeitig werden kurdische Akteure häufig von formellen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen oder auf symbolische Rollen reduziert.
Diese Marginalisierung ist kein zufälliges Phänomen, sondern folgt einem historisch wiederkehrenden Muster politischer Exklusion. Narrative von Brüderlichkeit, gemeinsamer Religion und gemeinsamer Geschichte werden dabei strategisch eingesetzt, um bestehende Machtverhältnisse zu stabilisieren. Tatsächlich liegt der funktionale Kern dieses Diskurses in der Sicherung wirtschaftlicher Interessen.⁴ Wird dieser Mechanismus nicht erkannt, führt dies zum Verlust zentraler strategischer Handlungsspielräume und zur nachhaltigen Schwächung kurdischer Positionen.
Aus strategischer Perspektive erfordert diese Situation eine Neuausrichtung kurdischer Politik. Widerstand allein oder die Mobilisierung nationaler Identität reichen nicht aus, um langfristige Wirkung zu entfalten. Politische, wirtschaftliche und diplomatische Instrumente müssen systematisch miteinander verknüpft werden.
Insbesondere die bewusste Erschließung der strategischen Tiefe des dritten Faktors sollte Priorität haben. Der gezielte Einsatz von Energieressourcen und Handelsrouten kann den politischen Handlungsspielraum substantiell erweitern, da diese Faktoren Verhandlungen auf internationaler Ebene strukturell aufwerten.²
Auf dieser Grundlage lässt sich ein langfristiger nationaler Strategieplan entwickeln und zugleich eine belastbare diplomatische Basis schaffen. Ziel ist es, nicht nur indirekt wahrgenommen zu werden, sondern die tatsächlichen Entscheidungsträger direkt zu adressieren.
Während Weltmächte kulturelle und religiöse Konflikte nutzen, um Zugang zu Ressourcen und wirtschaftlichen Kanälen zu sichern, können kurdische Akteure umgekehrt wirtschaftliche und energetische Faktoren nutzen, um Einfluss auf Entscheidungsprozesse zu gewinnen. Dieser Ansatz richtet sich nicht gegen einzelne Akteure, sondern basiert auf dem legitimen Schutz kollektiver Interessen.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass Grenzen nicht statisch sind und Bündnisse primär interessenbasiert sowie zeitlich begrenzt bleiben.¹ Strategische und taktische Allianzen müssen daher kontinuierlich überprüft und angepasst werden.
In diesem Prozess ist Selbstbewusstsein eine zentrale Voraussetzung. Politische Zurückhaltung aus Scham oder einer internalisierten Opferperspektive schwächt die eigene Verhandlungsposition. Sie erzeugt in den Augen potenzieller Partner den Eindruck mangelnder Handlungsfähigkeit und unterminiert Vertrauen. Eine nüchterne, faktenbasierte Auseinandersetzung mit zentralen strategischen Fragen ist daher unerlässlich.
Vor diesem Hintergrund ist auch der Versuch, die Handlungsfähigkeit der Westlichen Autonomen Verwaltung auf ressourcenreiche Gebiete außerhalb Kurdistans auszuweiten, als Bestandteil kurdischer Nationalinteressen zu verstehen. Gleiches gilt für Bestrebungen, Öl- und Gasressourcen in Südkurdistan politisch einzubinden – trotz bestehender taktischer Schwächen. Die Offenhaltung beider Handlungsachsen sowie der Ausbau partnerschaftlicher Strukturen zur Sicherung von Handelsrouten verstärken die strategische Wirkung dieser Ansätze.²
Die fortgesetzten Bemühungen autoritärer Regime in der Region, kurdischen Akteuren den Zugang zu natürlichen Ressourcen zu verwehren, unterstreichen deren strategische Relevanz. Gerade deshalb können diese Ressourcen und Routen zu zentralen Hebeln politischer Einflussnahme auf internationaler Ebene werden.
¹ Marc Lynch, The Arab Uprising; Robert D. Kaplan, The Revenge of Geography.
² Daniel Yergin, The Prize: The Epic Quest for Oil, Money, and Power; Robert D. Kaplan, The Revenge of Geography.
³ Fredrik Barth, Ethnic Groups and Boundaries; Rogers Brubaker, Ethnicity without Groups.
⁴ Majid Salih, Saladin Ayyubi and the Question of Kurdish Identity, mit Bezug auf H. A. R. Gibb, Mohammedanism.
Aram Gerdi, Januar 06.02.2026